Der Konstruktivismus als zentrales Element in der Beratung – Jeder hat seine eigene Wahrheit

Bereits bei meiner Ausbildung zur Mediatorin bin ich mit der konstruktivistischen Haltung in Berührung gekommen. Da dieser auch Teil der Lehreinheit „Systemisches Denken und Handeln“ war, möchte ich mich in meiner Abschlussarbeit nochmals mit diesem Thema auseinandersetzen. Auch im Alltag folge ich dem konstruktivistischen Ansatz – zu Hause in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, etc. Denn wenn man anerkennt, dass jeder Mensch seine eigne Wahrheit hat, fällt es einem schon mal leichter, Verständnis aufzubringen. Daher ist der Konstruktivismus (für mich) aus der Arbeit als Berater nicht mehr wegzudenken.

Konstruktivistische Haltung in der Beratung

Wie bereits kurz in der Einleitung beschrieben, beruht der Konstruktivismus in der Beratung auf der Annahme, dass jeder Mensch seine eigene Realität konstruiert und sich so seine eigene Wahrheit schafft. In der Beratung gilt es, individuelle Perspektiven, Einstellungen und Gefühle der Parteien und Klienten anzuerkennen und ihre Wahrheit – komplett wertfrei – als „für sie wahr“ zu verstehen (anstatt ihnen rationale Lösungsvorschläge anzubieten).

Konstruktivismus und das systemische Denken und Handeln

Der Konstruktivismus ist auch eng mit dem Systemischen Denken und Handeln verbunden. Durch verschiedene Ansätze werden Klienten unterstützt, ihre belastenden Themen und Probleme zu überwinden und daran persönlich weiterzuwachsen. Wachstum und Veränderung ist in diesem Bereich ein zentrales Thema. Folgt der Berater dem konstruktivistischen Ansatz, unterstützt er seine Klienten dabei, neue Erkenntnisse zu gewinnen, alternative Perspektiven zu entwickeln und für sich neue Handlungsmöglichkeiten und -lösungen zu entdecken. Somit wird persönliches Wachstum, Entfaltung und Weiterentwicklung möglich – in einem sicheren Raum, in dem alle aufkommenden Themen, Gedanken und Gefühle thematisiert werden können, ohne kritisiert oder beurteilt zu werden. Der Fokus liegt auf dem Verständnis der individuellen Bedeutungen des Klienten und der Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Systemebenen, mit dem Ziel positive Veränderungen zu fördern.

Berater, die dem konstruktivistischen Ansatz folgen, sehen ihre Klienten nicht nur als individuelle Persönlichkeiten vor ihnen. Vielmehr wird die Person als Teil eines komplexen sozialen und kontextuellen Systems wahrgenommen. Dieses System beeinflusst den Klienten, seine Erfahrungen, sein Verhalten und sein Denken. Es kommt dabei auch zu Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Systemebenen, beispielsweise dem System der Familie, der Arbeit, dem Freundeskreis, etc. Auch diese Systemebenen berücksichtigt der Berater und versteht mit Hilfe des systemischen Denkens, wie das Umfeld den Klienten prägt. Er unterstützt dabei, Muster und Zusammenhänge zu erkennen und die Wechselwirkung zwischen den Systemen zu verstehen. Nimmt man diese Perspektive ein, eröffnet dies eine Vielzahl an neuen Möglichkeiten zu handeln und Veränderungen zu bewirken.

Systemisches Denken hilft dem Berater, die vielfältigen Beziehungen und Dynamiken seiner Klienten zu verstehen. Im Zentrum der konstruktivistischen Einstellung und Haltung steht vor allem die Zusammenarbeit zwischen Berater und Klient. Es entsteht eine Beziehung, in der der Klient als Experte für sein eigenes Leben betrachtet wird. Der Klient bringt seine persönlichen Erfahrungen und Perspektiven ein, der Berater seine fachliche. Im Gegensatz zu traditionellen Ansätzen, im Rahmen derer Lösungsvorschläge und Ratschläge gegeben werden, hat die konstruktivistische Haltung eine andere Intention: Der Klient findet seine eigene, für ihn passende Lösung selbst.

Zusammenfassend lässt sich für mich feststellen, dass der Konstruktivismus und das systemische Denken in der Beratung Hand in Hand gehen, um eine individuelle Herangehensweise an Probleme zu fördern und selbstbestimmte Veränderungen herbeizuführen. Diese Herangehensweise ermöglicht dem Berater, die Komplexität menschlicher Erfahrungen zu verstehen und den Klienten dabei zu unterstützen, seine eigene Realität zu konstruieren und positive Veränderungen in seinem Leben vorzunehmen.

Auf Personenbezeichnungen wie männlich, weiblich und divers (m/w/d) wird aufgrund der besseren Lesbarkeit verzichtet und nur in einer Sprachform angeführt, die gleichermaßen für alle Geschlechter gilt.

Kurs: Systemisches Denken und Handeln
Autor*in: Ariane Z.

am 25.03.2024 von Studienberatung erstellt